Totholz steckt voller Leben. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, wird bei näherem Hinsehen schnell verständlich: Ein abgestorbener Baum ist keineswegs nutzlos. Im Gegenteil – mit seinem langsamen Zerfall entsteht über viele Jahre ein vielfältiger Lebensraum.
Weiches und hartes Holz, lockere Rinde, Spalten, Fraßgänge, Baumhöhlen, Mulm und Pilze schaffen ganz unterschiedliche kleine Lebensräume. Und mit jedem Stadium der Zersetzung verändert sich auch die Gemeinschaft der Tiere, Pflanzen und Pilze, die hier leben.
Käfer – Spezialisten im alten Holz
Rund 1.400 Käferarten in Deutschland sind an Alt- und Totholz gebunden. Manche Arten entwickeln sich unter der Rinde, andere benötigen morsches Holz, Mulmhöhlen oder bestimmte Holzpilze.
Dabei sind die Käfer nicht nur selbst ein wichtiger Teil der Artenvielfalt. Ihre Larven und die erwachsenen Tiere dienen wiederum Vögeln und anderen Tieren als Nahrung.
Je unterschiedlicher das vorhandene Totholz ist, desto mehr verschiedene Lebensräume können entstehen.
Auch Wildbienen nutzen abgestorbenes Holz. Einige Arten nutzen bereits vorhandene Käferfraßgänge und andere Hohlräume in abgestorbenem Holz als Nistplatz. Andere wie die Holzbienen nagen sich ihre Gänge sogar selbst.
Deshalb muss ein Stück altes Holz keineswegs „aufgeräumt“ werden. Ein alter Stamm oder ein abgestorbener Ast an einem sonnigen, trockenen Platz kann noch lange wertvoll sein.
Pilze gehören zu den wichtigsten Zersetzern des Holzes. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Organismen sorgen sie dafür, dass aus einem abgestorbenen Baum nach und nach wieder Bestandteile des Bodens werden.
Auf und an altem Holz siedeln außerdem Moose und Flechten. So verändert sich das Totholz mit den Jahren immer weiter – und bietet in jeder Phase andere Bedingungen.
Höhlen und Spalten in alten oder abgestorbenen Bäumen können wertvolle Quartiere und Brutplätze bieten.
Auch liegendes, langsam verrottendes Holz ist interessant. Unter Stämmen, Ästen und lockerer Rinde entstehen geschützte, feuchte Bereiche, die von zahlreichen kleinen Tieren genutzt werden. Auch Amphibien und Kleinsäuger können hier Deckung und Unterschlupf finden.
Die gute Nachricht: Wir müssen gar nicht viel tun, um diesen Lebensraum zu fördern.
Oft reicht es schon, der Natur etwas mehr Raum zu lassen.
Abgestorbene Bäume oder Stammteile können erhalten bleiben, sofern von ihnen keine Gefahr ausgeht. Heruntergefallene Äste müssen nicht unbedingt geschreddert oder entsorgt werden. Sie können zu einem Reisighaufen oder einer Totholzhecke aufgeschichtet werden.
Auch einzelne dicke Äste und Stammstücke dürfen zwischen Pflanzen liegen bleiben. Und vielleicht gibt es im Garten eine Ecke, die nicht ständig aufgeräumt werden muss.
Einfach mal nichts – und damit Gutes tun.
Wem eine wilde Totholzecke zu rödelich ist, kann abgestorbenes Holz bewusst in die Gartengestaltung integrieren.
Aus Ästen lässt sich beispielsweise eine Totholzhecke oder ein kleiner Totholzzaun bauen. Dickere Stammstücke können Beete begrenzen und knorrige Wurzeln zwischen Stauden zu einem natürlichen Blickfang werden.
So wird aus vermeintlichem Gartenabfall ein Gestaltungselement – kostenlos, unbehandelt und gleichzeitig Lebensraum.
Nicht jedes Stück Holz muss weg, nicht jede Ecke muss ordentlich und nicht jeder abgestorbene Ast sofort entsorgt werden.
Manchmal entsteht Natur gerade dort, wo wir nicht eingreifen.
Ein bisschen Totholz im Garten bedeutet Käfer, Wildbienen, Pilze, Moose und viele weitere kleine Bewohner. Und diese wiederum sind Teil eines viel größeren Netzes, von dem auch Vögel, Fledermäuse und andere Tiere profitieren.
So kann selbst eine kleine, scheinbar unaufgeräumte Ecke zu einem wertvollen Naturtrittstein werden.