Da sind sie wieder.
Gestern war der junge Rosentrieb noch frisch und grün – heute sitzen dort dicht an dicht die Blattläuse.
Und wahrscheinlich kennen wir fast alle diesen ersten Gedanken: Die müssen weg.
Vielleicht sollten wir genau an dieser Stelle einfach einmal ein bisschen warten.
Nicht, weil Blattläuse unseren Pflanzen besonders guttun. Sie saugen Pflanzensaft, können junge Triebe schwächen und bei starkem Befall durchaus zum Problem werden.
Aber eine Pflanze voller Blattläuse ist eben nicht nur eine befallene Pflanze, sie ist auch ein gedeckter Tisch.
Für Marienkäfer, für Florfliegen und Schwebfliegen. Für winzige Schlupfwespen, andere kleine Jäger und auch für Vögel.
Genau hier beginnt einer dieser wunderbaren Zusammenhänge in der Natur, die man leicht übersieht.
Für viele Marienkäferarten sind Blattläuse eine wichtige Nahrungsgrundlage. Wo es reichlich davon gibt, finden die Käfer nicht nur selbst Nahrung, sondern auch gute Bedingungen für ihren Nachwuchs.
Schauen wir genauer hin, entdecken wir mit etwas Glück ganz in der Nähe die kleinen gelben Eier eines Marienkäfers.
Aus ihnen schlüpfen Larven, die zunächst überhaupt nicht nach unseren vertrauten roten Glückskäfern aussehen. Eine einzige Marienkäferlarve kann während ihrer Entwicklung Hunderte Blattläuse fressen.
Ihr Kinderzimmer liegt also genau dort, wo auch ihre Speisekammer zu finden ist.
Doch was passiert, wenn wir beim Anblick der ersten Blattläuse sofort eingreifen? Wenn wir sie abspritzen, behandeln oder möglichst vollständig beseitigen?
Dann verschwinden nicht nur die Blattläuse. Mit ihnen verschwindet auch die Nahrung für viele Tiere, die von ihnen leben.
Wir wünschen uns Marienkäfer im Garten. Wir freuen uns über Florfliegen und Schwebfliegen, über Meisen, Spatzen und andere Vögel, die zwischen unseren Pflanzen nach Nahrung suchen.
Aber all diese Tiere können nicht von unserer Freude über sie leben. Sie brauchen etwas zu fressen.
Und manchmal ist genau das Tier, das wir am liebsten sofort aus unserem Garten verbannen würden, die Lebensgrundlage für ein anderes, das wir unbedingt darin haben möchten.
Das ist vielleicht eine der schwierigsten Lektionen eines naturnahen Gartens: nicht sofort einzugreifen, sondern der Natur Zeit und Raum zu lassen.
Zunächst kommen die Blattläuse. Sie vermehren sich schnell und damit wächst das Nahrungsangebot. Wo reichlich Nahrung vorhanden ist, finden sich nach und nach auch die Tiere ein, die von Blattläusen leben. Marienkäfer, Schwebfliegen, Florfliegen und andere kleine Jäger finden einen gedeckten Tisch – und auch ihr Nachwuchs findet Nahrung.
Natürlich funktioniert dieses Zusammenspiel nicht wie ein Uhrwerk. Nicht jeder starke Blattlausbefall verschwindet von allein und manchmal braucht eine Pflanze tatsächlich unsere Hilfe.
Aber wenn wir jedes Mal eingreifen, bevor die Natur überhaupt reagieren kann, nehmen wir ihr einen Teil dieser Möglichkeit.
Denn wenn wir die Blattläuse immer wieder beseitigen, bleibt auch weniger Nahrung für die Tiere, die von ihnen leben. Können sich weniger von ihnen entwickeln und vermehren, fehlen sie wiederum, wenn die nächste Blattlausgeneration auftaucht.
So kann ausgerechnet unser Wunsch, die Blattläuse möglichst gründlich loszuwerden, dazu beitragen, dass sich das natürliche Gleichgewicht im Garten schlechter entwickeln kann.
Deshalb müssen wir nicht lernen, Blattläuse zu lieben.
Aber wir können lernen, sie auszuhalten.
Vielleicht müssen wir in unseren Gärten nicht immer mehr tun. Manchmal müssen wir der Natur einfach nur ein bisschen mehr zutrauen.