Als wir angefangen haben, Teile unserer Wiesen auf dem Weidenhof seltener zu mähen, war das zunächst eigentlich ganz unspektakulär: Wir haben einfach weniger gemacht.
Kein Umgraben, keine große Neuanlage. Wir haben zunächst dem, was bereits da war, mehr Zeit gelassen.
Und dann wurde es spannend.
Zwischen den Gräsern tauchten immer mehr Pflanzen auf. Schafgarbe, Flockenblumen und andere Wildpflanzen begannen zu blühen. Manche standen vermutlich schon lange dort und hatten bisher nur kaum eine Chance, überhaupt bis zur Blüte zu kommen.
An Stellen, an denen noch wenig Vielfalt vorhanden war, haben wir etwas nachgeholfen. Dafür haben wir Samen heimischer Wildpflanzen zunächst in Blumentöpfen ausgesät. Die kleinen Pflanzen konnten dort in Ruhe heranwachsen und wurden später an freien Stellen in die Wiese gepflanzt. So konnten wir die vorhandene Vegetation nach und nach ergänzen, ohne gleich die ganze Fläche neu anzulegen.
Hummeln und andere Insekten saßen plötzlich auf den Pflanzen. Zwischen den Halmen entstanden Spinnennetze. Überall summte, krabbelte und bewegte sich etwas. Aus einer Fläche, die vorher hauptsächlich „Gras“ war, wurde nach und nach ein kleiner Lebensraum.
Bei einer Wildblumenwiese schauen wir meistens zuerst auf die bunten Blüten. Dabei sind auch die eher unscheinbaren Gräser ein wichtiger Bestandteil des Lebensraums.
Verschiedene Schmetterlingsarten sind in ihrer Entwicklung auf bestimmte Gräser angewiesen. Ihre Raupen nutzen sie als Raupenfutterpflanzen. Dazu gehören beispielsweise verschiedene Augenfalter und Dickkopffalter.
Deshalb versuchen wir nicht, möglichst viel Gras aus unseren Flächen zu verdrängen. Blühende Wildpflanzen und unterschiedliche Gräser gehören zusammen. Gerade diese Mischung schafft Nahrung und Lebensraum für ganz unterschiedliche Tiere.
Weniger mähen kann schon viel verändern
Nicht jeder Garten braucht eine große Wildblumenwiese. Und nicht jede Rasenfläche muss komplett sich selbst überlassen werden.
Man kann beispielsweise Inseln stehen lassen, nur Wege durch die höhere Vegetation mähen oder einzelne Randbereiche deutlich seltener schneiden. So bleibt der Garten weiterhin nutzbar – während direkt daneben Pflanzen blühen und Tiere Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten finden.
Bei uns sieht das auch nicht immer ordentlich aus.
Gräser kippen um. Pflanzen verblühen. Irgendwo hängt ein Spinnennetz zwischen den Halmen und manches sieht zeitweise eher nach „nicht gemäht“ als nach einem geplanten Naturgarten aus.
Aber genau darin steckt ein Teil seines Wertes.
Wenn eine Blüte verschwunden ist, ist eine Pflanze für die Natur noch lange nicht wertlos.
Samenstände können Nahrung bieten, Stängel und dichter Pflanzenbewuchs schaffen Strukturen und kleine Tiere finden zwischen Gräsern und abgestorbenen Pflanzenteilen Schutz. Deshalb lassen wir Teile unserer Flächen auch nach der Blüte noch stehen.
Eine naturnahe Wiese muss nicht jeden Tag schön aussehen wie ein Blumenbeet.
Sie darf sich verändern.
Was uns besonders gut gefällt: Ein einfacher gemähter Weg durch eine höhere Wiese verändert sofort den Eindruck.
Plötzlich sieht die Fläche nicht mehr einfach nur ungemäht aus. Der Weg zeigt: Das hier darf so sein.
Gleichzeitig können wir die Fläche weiterhin nutzen und beobachten, was links und rechts des Weges passiert.
Und vielleicht ist genau das eine der einfachsten Ideen für mehr Natur im eigenen Garten.
Nicht sofort überlegen, was man noch kaufen, pflanzen oder bauen müsste.
Sondern zunächst einmal schauen:
Was passiert eigentlich, wenn wir an einer kleinen Stelle einfach weniger tun?